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Schmerzen trotz unauffälliger Bildgebung – wann funktionell weitergedacht werden sollte

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Schmerzen trotz unauffälliger Bildgebung – wann funktionell weitergedacht werden sollte

Health Coach Tino
Veröffentlicht von Tino Both in Schmerzen & funktionelle Beschwerden · Donnerstag 30 Apr 2026 · Lesezeit 7:15
Tags: SchmerzenfunktionelleBeschwerdenSchmerzverarbeitungNervensystemunauffälligeBildgebung

Schmerzen trotz unauffälliger Bildgebung – wann funktionell weitergedacht werden sollte

Viele Menschen kennen diese frustrierende Situation: Der Schmerz ist deutlich spürbar, aber MRT, Röntgen, Ultraschall oder andere Untersuchungen liefern keine klare Erklärung. Dann steht schnell die Frage im Raum: „Woher kommt der Schmerz, wenn nichts kaputt ist?“ Die kurze Antwort: Schmerz ist nicht dasselbe wie Strukturschaden. Schmerz ist eine Wahrnehmung des Nervensystems. Die International Association for the Study of Pain beschreibt Schmerz als unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit tatsächlichem oder möglichem Gewebeschaden verbunden ist – oder einer solchen Erfahrung ähnelt. Schmerz kann also auch dann real sein, wenn kein eindeutiger aktueller Gewebeschaden nachweisbar ist. Genau hier beginnt die funktionelle Betrachtung. Es geht nicht darum, Beschwerden kleinzureden. Es geht darum, zu verstehen, warum ein System Schmerzen erzeugt, obwohl die sichtbare Struktur nicht eindeutig geschädigt ist.

Schmerz ist real – auch ohne eindeutigen Befund

Unauffällig heißt nicht automatisch beschwerdefrei.

Ein unauffälliger Befund kann beruhigend sein. Er kann zeigen, dass keine schwere strukturelle Schädigung, kein akuter Bruch, kein Tumor oder keine massive Entzündung sichtbar ist. Das ist wichtig. Aber: Ein unauffälliger Befund erklärt nicht automatisch, warum ein Mensch Schmerzen hat oder warum das Nervensystem weiter Schutzsignale sendet. Schmerz entsteht nicht im Gewebe allein. Schmerz entsteht erst durch Verarbeitung im Nervensystem. Das Gewebe liefert Informationen, aber das Nervensystem bewertet diese Informationen. Es entscheidet, ob eine Situation als sicher, belastend, bedrohlich oder schützenswert eingestuft wird. Deshalb kann Schmerz bestehen bleiben, obwohl die Bildgebung keine klare Ursache zeigt.

Warum Schmerz nicht immer dort entsteht, wo er spürbar ist

Der Ort des Schmerzes ist nicht immer der Ursprung des Problems.

Wenn das Knie schmerzt, denkt man zuerst an das Knie. Wenn der Nacken schmerzt, denkt man an die Halswirbelsäule. Wenn der Rücken schmerzt, sucht man im Rücken. Das ist logisch, aber nicht immer ausreichend. Schmerz kann lokal entstehen, aber auch durch gestörte Steuerung, veränderte Muskelspannung, Schutzreaktionen, Nervenmechanik, sensorische Fehlverarbeitung oder übergeordnete Regulationsprobleme beeinflusst werden. Der spürbare Ort ist dann nicht zwingend die eigentliche Ursache, sondern der Bereich, in dem das System gerade Alarm meldet.
Funktionell betrachtet ist deshalb die bessere Frage nicht nur:
„Wo tut es weh?“
Sondern auch:
„Welche Funktion bringt das System in Schutzspannung?“

Wenn Schutzspannung zum Problem wird

Manchmal schützt der Körper mehr, als nötig wäre.

Schmerz verändert Bewegung. Wer Schmerzen hat, bewegt sich anders. Muskeln spannen mehr an, Gelenke werden vorsichtiger belastet, Bewegungen werden kleiner, der Atem wird flacher, der Körper wird insgesamt wachsamer.
Das ist zunächst sinnvoll. Der Körper schützt. Problematisch wird es, wenn dieser Schutzmodus bestehen bleibt, obwohl keine akute Gefahr mehr vorliegt. Dann kann der Körper in einer Art Dauersicherung hängen bleiben. Die Muskulatur hält fest, Bewegungen bleiben eingeschränkt, bestimmte Positionen werden gemieden und das Nervensystem reagiert schneller empfindlich. Dann ist nicht zwingend „mehr Dehnen“ oder „mehr Kräftigen“ die erste Antwort. Manchmal muss zuerst verstanden werden, warum das System überhaupt schützt.

Warum chronische Schmerzen anders gedacht werden müssen

Länger bestehender Schmerz verändert die Spielregeln.

Akuter Schmerz hat oft eine klare Schutzfunktion. Man verletzt sich, das Gewebe meldet Gefahr, das Nervensystem begrenzt Belastung. Bei länger bestehenden Schmerzen wird es komplexer. Chronischer Schmerz wird international meist als Schmerz beschrieben, der länger als drei Monate besteht oder wiederkehrt. Die IASP betont außerdem, dass chronischer Schmerz multifaktoriell ist und biologische, psychologische und soziale Einflussfaktoren haben kann.
Das heißt nicht, dass chronischer Schmerz „psychisch“ ist. Es heißt: Das Nervensystem verarbeitet Schmerz im Kontext des ganzen Menschen. Gewebe, Bewegung, Schlaf, Stress, Entzündung, Erwartung, Erfahrung, Belastung und Regulation können zusammenwirken. Genau deshalb reicht ein einzelner Blick auf ein einzelnes Gelenk oft nicht aus.

Nociplastischer Schmerz – wenn die Verarbeitung selbst verändert ist

Manchmal liegt das Problem stärker in der Schmerzverarbeitung.

In der modernen Schmerzforschung gibt es neben nozizeptivem und neuropathischem Schmerz auch den Begriff noziplastischer Schmerz. Er beschreibt Schmerzen, die durch eine veränderte Verarbeitung von Schmerzsignalen entstehen oder aufrechterhalten werden, ohne dass ein eindeutiger Gewebeschaden oder eine klare Nervenschädigung als alleinige Erklärung ausreicht. Die IASP hat diesen mechanistischen Begriff 2017 eingeführt. Das ist für Betroffene wichtig, weil es eine klare Botschaft enthält: Schmerz ohne eindeutigen Strukturschaden ist nicht automatisch „eingebildet“. Er kann Ausdruck eines veränderten, empfindlicher gewordenen Systems sein. Funktionell betrachtet passt das sehr gut zur Frage: Welche Reize verarbeitet das Nervensystem nicht mehr sauber? Welche Schutzreaktionen laufen zu stark? Welche Systeme halten den Schmerz aufrecht?

Welche funktionellen Ebenen bei Schmerzen relevant sein können

Schmerz kann aus vielen Systemen gespeist werden.

Bei Schmerzen und funktionellen Beschwerden lohnt sich ein breiterer Blick. Nicht, weil alles kompliziert gemacht werden soll, sondern weil der Körper nicht in Einzelteilen arbeitet.
Funktionell relevant können zum Beispiel sein:
  • Haut, Faszien und lokale Rezeptoren
  • Muskeln, Sehnen und Gelenke
  • periphere Nerven und deren Gleitfähigkeit
  • Reflexe und Schutzspannungen
  • Bewegungsmuster und Gangbild
  • Atmung und vegetative Regulation
  • visuelle, vestibuläre und propriozeptive Verarbeitung
  • alte Verletzungen, Narben oder Traumen
  • zentrale Verarbeitung in Rückenmark, Hirnstamm und Gehirn
Das bedeutet nicht, dass immer alles betroffen ist. Es bedeutet nur: Wenn der Schmerz nicht sauber über eine Struktur erklärbar ist, sollte man funktionell breiter denken.

Warum klassische Maßnahmen manchmal nicht ausreichen

Nicht jedes Schmerzproblem ist ein reines Kraft- oder Beweglichkeitsproblem.

Viele Menschen mit Schmerzen haben bereits einiges ausprobiert: Massage, Dehnen, Kräftigung, Einlagen, Medikamente, Physiotherapie, Osteopathie, Wärme, Kälte oder Entspannung. Manchmal hilft das. Manchmal aber nur kurz. Und manchmal gar nicht. Ein Grund kann sein, dass die Maßnahme zwar am schmerzhaften Bereich ansetzt, aber nicht an der funktionellen Ursache der Schutzreaktion. Wenn der Nacken spannt, weil die Augen oder das Gleichgewichtssystem überfordern, wird reine Nackenbehandlung oft nur begrenzt halten. Wenn ein Gelenk schmerzt, weil eine übergeordnete Stabilisierung nicht funktioniert, reicht lokale Kräftigung nicht immer aus.
Funktionelle Arbeit fragt deshalb nicht nur:
„Was ist verspannt?“
Sondern:
„Warum hält das System dort Spannung?“

Wann funktionell weitergedacht werden sollte

Vor allem dann, wenn der Befund die Beschwerden nicht erklärt.

Funktionell weiterdenken ist besonders sinnvoll, wenn Schmerzen bestehen bleiben, obwohl klassische Befunde unauffällig oder nicht ausreichend erklärend sind.
Typische Situationen sind:
  • Schmerzen trotz unauffälligem MRT
  • Rückenschmerzen ohne klaren Befund
  • Nackenschmerzen trotz Behandlung
  • Gelenkschmerzen ohne erkennbare Schädigung
  • Schmerzen, die wandern oder wechselhaft sind
  • Beschwerden, die unter Stress, Müdigkeit oder visueller Belastung zunehmen
  • Schmerzen nach alter Verletzung, obwohl das Gewebe längst verheilt ist
  • wiederkehrende Beschwerden trotz Training oder Therapie
  • Migräne, Kopfdruck oder Spannungskopfschmerz mit funktionellen Begleitmustern
Wichtig: Plötzliche starke Schmerzen, neurologische Ausfälle, Fieber, unerklärlicher Gewichtsverlust, starke nächtliche Schmerzen, neue Lähmungen, Taubheitsgefühle oder akute Warnzeichen gehören medizinisch abgeklärt. Funktionelle Betrachtung ersetzt keine ärztliche Diagnostik.

Was funktionelle Betrachtung bei Schmerzen bedeutet

Es wird nach Funktion gesucht, nicht nur nach Schaden.

Funktionelle Betrachtung bedeutet, Schmerzen nicht nur über Strukturschäden zu erklären. Es wird geschaut, wie das System arbeitet.
Zum Beispiel:
  • Welche Bewegung löst den Schmerz aus?
  • Welche Position verbessert oder verschlechtert ihn?
  • Welche Reize verändern die Muskelspannung?
  • Welche sensorischen Systeme sind beteiligt?
  • Welche Schutzreflexe reagieren auffällig?
  • Welche Tests verändern sich nach einem gezielten Reiz?
  • Wird der Schmerz durch einen funktionellen Zusammenhang erklärbarer?
Das Ziel ist nicht, eine Diagnose zu ersetzen. Das Ziel ist, herauszufinden, welche Ebene das System aktuell stört und ob sich über gezielte Reize eine bessere Regulation anstoßen lässt.

Fazit

Schmerz ist ein Signal – nicht immer ein Schadensbericht.

Schmerzen trotz unauffälliger Bildgebung sind kein Widerspruch. Schmerz ist real, auch wenn keine eindeutige strukturelle Ursache gefunden wird. Das Nervensystem kann Schutz, Spannung und Schmerz erzeugen, obwohl das Gewebe nicht sichtbar geschädigt ist. Genau deshalb ist es wichtig, Schmerz nicht automatisch mit Strukturschaden gleichzusetzen. Wenn klassische Befunde die Beschwerden nicht ausreichend erklären, lohnt sich ein funktioneller Blick: auf Bewegung, Rezeptoren, Nervensystem, Schutzspannung, sensorische Verarbeitung und Regulation. Manchmal liegt die Lösung nicht darin, dort zu arbeiten, wo es weh tut. Sondern dort, wo das System den Alarm erzeugt.

Zum Schwerpunkt: Schmerzen & funktionelle Beschwerden funktionell betrachten

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